Projekt - Le Mouton Enragè (Das wilde Schaf)

Konzert für Violoncello und Orchester [2002]
Beruhend auf dem gleichnamigen Film / Frankreich 1973
mit Jean Louis Trintignant u. Romy Schneider
Uraufführung am 27.7.2002, Große Aula der TU – München, Leitung: David Danzmayr
Wolfgang Zamastil: Violoncello, Symphonisches Ensemble München
Hörbeispiel - Cellokonzert DSL (1.44 MB) ISDN (741 KB) Modem (232 KB)

Ein langweiliger Bankangestellter beschließt auf den Rat und unter der Anleitung seines besten Freundes, sein Leben zu ändern, um an möglichst viel Geld zu kommen und mit möglichst vielen Frauen zu schlafen. Während er Tag für Tag Übungen macht, um seine eigenen Barrieren zu durchbrechen (indem er jeden Tag etwas für sich selbst Ungewöhnliches tut), baut er gemeinsam mit seinem Freund, der ein erfolgloser Schriftsteller ist, ein System auf, wie man sich konstant „nach oben schlafen“ kann. Die Durchführung des Plans klappt hervorragend und er selbst wird immer berechnender und kaltblütiger. Zum Schluss gibt es Tote und seelisch verletzte Menschen, weil er die Sache ziehmlich übertrieben hat.

Die Idee, jeden Tag etwas für mich Ungewöhnliches zu tun, hat mir sehr gefallen, nicht zuletzt, weil man dadurch selbst seine eigenen Grenzen besser kennen- und zu durchbrechen lernt. Man sollte das Ganze nur nicht zu weit treiben, ich glaube, man nennt das dann verrückt... Ungewöhnliches hat immer geholfen, die Dinge zu erweitern, Ideen zu verwirklichen, sei es nun in der Politik, in der Kunst oder sonst wo.

Das Cellokonzert „Le Mouton Enrage“ ist wahrscheinlich deshalb ungewöhnlich, weil hier eine Unzahl von musikalischen Stilen aufeinander treffen. Ich habe mich so vieler musikalischer Mittel und Kompositionsstile bedient, dass ich zum Schluss fast selbst den Überblick verloren habe und Bedenken hatte, ob dieses Werk vielleicht nicht doch zu episodisch gehalten wäre. „Man muß doch erklären können, was man macht“- habe ich der Komponistin Isabel Mundry am Telefon gesagt. „Wem müssen sie was erklären?“- hat sie geantwortet. Das fand ich irgendwie gut. Wenn es danach geht, dann braucht man sich um gar nichts mehr zu kümmern und kann einfach frei von der Leber weg komponieren.

Und es ist ja nicht so, daß es keine Thematik gäbe. Der Vorwurf, daß meine Musik gerade zu einfach wäre, zu wenig intellektuell, auch das hat nicht nur einer zu mir gesagt. Zu wenig intellektuell, was für ein armseliges Kriterium. Als ob die Leute, die so über die Kunst urteilen, Bescheid wüssten, was wertvoll ist und was nicht. Warum kann man nicht einmal nur zuhören und lauschen, was passiert?
Es passiert nämlich viel. Da gibt es groteske Walzerparodien, Hommagen an Schostakowitsch und Piazolla, griechische Volksweisen, einen Haufen Filmmusik, einen abgefahrenen Tango, einen schwarzen Trauermarsch und dazwischen immer wieder kleine Anspielungen auf gewisse mir sehr wichtige Themen künstlerischer wie politischer Natur.

Grundsätzlich kann man nun jedoch behaupten, daß dem Werk kein tieferer philosophischer Sinn zugrunde liegt. Das ist allerdings auch ein sehr heißes Gebiet... wo denn die Kunst aufhört und wo die Philosophie beginnt... und ob die beiden überhaupt Hand in Hand gehen können.

Ich kenne Philosophen, die so viel wissen, über so viel nachgedacht haben, daß sie für alles, was sie behaupten, ein haltbares Gegenargument parat haben. Das ist bewundernswert, man überlege jedoch einmal, was herauskommt, wenn so jemand künstlerisch tätig wird: Es entsteht ein Kunstwerk, genährt von enormen Denkleistungen, dessen gewollte philosophische Wahrheit sich in den dialektischen Spannungen zwischen den verschiedenen Wahrheiten versteckt.
Das ist einerseits toll, andererseits frage ich mich immer wieder, warum es mir nicht möglich ist, eine Komposition auf einer Denkleistung aufzubauen, also in direkter Verbindung, wie man es bei Berg, Wagner, Thomas Mann oder Bernhard findet. Ich weiß auch die Antwort: Es geht gar nicht. Die Philosophie sucht nämlich die objektive Wahrheit und die Kunst sucht die subjektive, die des Individuums. Dies bedeutet für mich, daß wir, oder besser, die Kunstkenner die Werke der großen Künstler mit der Betitelung „eine genial durchkonzipierte Denkleistung“ in ein völlig falsches Licht stellen.
Es mag wohl ein großes Werk im philosophischen Sinne sein, doch wer kann mit Sicherheit behaupten, daß hier ein vollendetes Konzept dargestellt wurde und es nicht während des kreativen Prozesses erst entstanden ist? Es kann doch auch sein, dass jemand intellektuell so reif ist, daß er eine Denkleistung einfach „aus dem Ärmel schütteln“ kann, ohne sich dabei den Kopf zu zerbrechen. Oder... dass die Denkleistung erst im Kopf des analysierenden Theoretikers entsteht.

Die Parallelen zwischen einem von der Leber weggeschriebenen Stück und der Denkleistung ergeben sich bei mir eigentlich immer erst danach. Das ist dann auch haltbar, mit einigen Korrekturen, aber grundsätzlich besteht immer die Gefahr, sich sein Werk tot zu denken. Das passiert ganz schnell. Ich finde auch immer wieder Werke bei den ganz Großen, wo dieses Problem offensichtlich wird. Ergebnis: Das Werk wird langweilig und viel zu komplex, um sich aus dem Konzert etwas für sich Wichtiges mitnehmen zu können. Oder, noch schlimmer, man findet Notlösungen, um es zu Ende bringen zu können.

Ich bleibe also lieber dabei, für mich selbst weiter zu lernen, nachzudenken, und mehr und mehr den Kopf und den Bauch zusammenarbeiten zu lassen.